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Zuhoerlaute
 
Berlin, den 11.9.2006

Er ist wieder da. Eigentlich ist damit alles gesagt und mein Leben in Berlin nun auch offiziell gescheitert. Schüssler kam am Freitag in meine Stadt, um sein neues Projekt, wie er seine lächerliche Betätigung als Kuppler un Zuhälter nennt, zu präsentieren. Offiziell sagte er mir damals am Telefon, dass es sich dabei um eine renomierte wissenschaftliche Tagung zum Thema 'Die moralsphilosophische Axiomatik der Wagner Festspiele im Spannungsfeld zwischen Fleischwaren und der CDU' handelte.
Als ich Rudolf jedoch am Ostbahnhof wie so oft schon in Empfang genommen hatte, war mir klar, dass sich der Wissenschaftsbegriff meines sogenannten Freundes sich elementar von dem meinigen unterscheidet: Begleitet von zwei offensichtlich angetrunkenen Damen aus der Ostukraine stolperte er auf den Bahnsteig und fiel dabei lallend einer älteren Dame in die Arme, die er anscheinend für mich hielt. Erst als die Dame sich mit all ihrer Kraft gegen Rudolfs 'Bruderkussversuche' wehrte, bemerkte er seinen Fehler. Ich kann auch nach Stunden, im Schreiben dieser Zeilen, nicht sagen, wer von uns dreien beschämter dreinschaute: Die Dame, Rudolf oder ich, der am liebsten ob der Peinlichkeit im Boden versunken wäre.

Zwei Tage sind seit dem vergangen und die Welt gerät zusehends aus den Fugen. Rudolf freut sich so sehr wieder aus seinem kleinkarrierten bayrischen Kaff entschunden zu sein, dass er mich gestern spontan nötigte, mit ihm und einigen meiner gelehrten Freunde der hiesigen Berliner Kunst und Musikszene eine 'Sause', wie er dieses sinnlose, nicht endenwollende Besäufnis durch zahlreiche Kneipen hinweg, nannte, zu unternehmen. Ich sorge mich zusehends, dass Dr. Schüssler ein ernstzunehmendes Alkoholproblem entwickelt, ja mehr noch! Er überträgt seine Alkoholsucht auf seine Mitmenschen, meine Freunde! Meike, eine zarte und feinsinnige Rose der Unschuld, die sonst keinen Tropfen anrührt, hat dieser Mensch faktisch h i n g e r i c h t e t ! Zunächst verkaufte er ihr Stark Cider als harmlosen Apfelsaft und als sie begriff, was sie da trank war es auch schon zu spät. Meike wollte sich weiterem Alkoholkonsum pflichtbewusst verweigern, war sie doch die gute Erziehung einer der renommiertesten katholischen Mädchenschulen ganz Frankreichs gewohnt, doch Schüssler lies nicht von ihr ab sondern erbat sich, ganz der Wissenschaftler, ihr zu demonstrieren, wie man damals zu Zeiten der Inquisition mit aufsässigen Hexen umgegangen sei, die sich weigerten Messwein zu trinken.

Ich habe sodann mit Meike den Rest der nacht auf der Intensivmedizinischen Versorgungsstation im Klinikum Mitte verbracht, wo es den Ärzten durch drei, wie ich fürchte sehr schmerzhafte Notfalloperationen den Trichterschlauch aus dem Rachen meiner Freundin zu entfernen und die Wunden angemessen zu versorgen. Werde ich meiner lieben Meike, dieses sanfte Reh, der Tau meines Morgens je wieder in die Augen blicken können?

Als ich gegen 6:15 morgens endlich wieder zu mir nachhause kam, hatte Schüssler bereits die Zeit genutzt und meine Mitbewohnerin Anna davon überzeugt, dass es eventuell doch ein lukrativer Nebenverdienst wäre, ihr Zimmer in ein Stundenhotel für obdachlose Freier zu verwandeln; er habe da auf ARTE eine Dokumentation gesehen, in der darüber berichtet wurde, wieviel Geld Obdachlose durch den Verkauf von Straßenzeitungen und sonstigen Bettelein einnähmen und es wäre ja nur gerecht, wenn Anna und er auch einen Teil der Einnahmen für sich verbuchten.
Es gelang mir nur mit großen Mühen und einem Brecheisen Schüssler aus dem Zimmer meiner so leicht zu beeinflussenden MItbewohnerin zu kriegen, nun liegt er für's Erste fixiert auf seiner Ausnüchterungspritsche und schmiedet neue Pläne: Er faselt irgendetwas von einer großen Orgie in dem neugeschaffenen Stundenhotel und ich frage mich, warum ich mir das antue? Ich, der Mensch mit dem ruhigen Gemüt.... Der Feingeist! Wahrscheinlich aus purem Mitleid, aus Verantwortungsbewusstsein gegenüber dieser armen Seele!

Und doch, ich zähle die Stunden bis zu seiner Abreise...
Auf bald liebes Tagebuch,

Viktor
11.9.06 13:17


Nie wieder!

Liebes Tagebuch.
Meinen Besuch in Berlin so lange aufschiebend wie möglich war es nun wieder so weit. Mein Vortrag über die gegenseitige Befruchtung von Justifikationistischer Epistemologie, Quantenphysik und der modernen Novelle war im Ausland so gut aufgenommen worden, dass ich meine Freunde von der Deutschen Forschungsgesellschaft nicht länger hinhalten konnnte. Eine mögliche peinliche Szene am Bahnhof vermeiden wollend lies ich mich gar nicht erst am Bahnhof abholen, sondern beschloss, sofort ins Hotel zu fahren. Bereits am Empfang wurde mir klar, dass etwas nicht stimmte. Das sonst so zuvorkommende Personal des Ritz-Carlton hob die Augenbrauen, als ich mich nach meiner Reservierung erkundigte. Eine der Damen, eine mir noch als hilfbereit in erinnerung gebliebene Angestellte namens Silvie, die mir beim letzen Mal tief in der Nacht noch ein Exemplar der "offenen Gesellschaft und ihre Feinde" besorgt hatte, weil mich Einschlafprobleme plagten, sah mich sogar angewiedert an. Als ich mit leichtem Gepäck das Zimmer betrat, löste sich das Rätsel. Auf meinem Bett lag, angekettet, offenbar mit drogen ruhig gestellt und nur mit 2 latexsocke bekleidet eine Frau, ach was sage ich, eher ein Mächden, neben ihr in einem Kühler 2 Plastikflaschen goldfarbenen Bieres, und eine Grusskarte vom wohl doch nicht geheilten Alburn. Das letze Gespräch mit seiner armen Mutte hatte mich doch noch hoffen lassen. Immerhin hatte er seine sexuelle Fixierung auf Schäferhunde und Warane so gut wie überwunden, und auch sein Drogenkonsum schien sich langsam zu normalisieren.

Peinlich berührt, beschloss ich, dass arme Wesen loszumachen, mit einer Decke zu verhüllen, und etwas in meiner mittelhochdeutschen Gedichtsammlung zu lesen, bis sie wieder ansprechbar war, und ich in Erfahrung bringen konnte, wie man siie vielleicht von einer Anzeige abbringen könnte, schliesslich war Alburn ja noch auf Bewährung. Bevor ich mit dem Mädchen reden konnte, ging auch schon das Telefon, und Alburn frage mich, ob ich meine "Vorspeise" genossen hätte, und nun bereit wäre, mit ihm "ein bisschen loszumachen". Ich arrangierte, dass mein lieber Freund, der Bezirksbürgermeister sich der unschönen lage im Hotel annahm, und traf mich mit Alburn, um festzustellen, ob es für ihn vielleicht doch noch eine Chance gab, sich in die Gesellschaft zurückzubewegen.

Ich erkannte meinen Fehler, als ich in der Wohnung ankam, die mein ehemals doch einigermassen kultivierter Freund nun bewohnte. Im Wohnzimmer, dessen Möbel vor allem aus leeren Umzugskartons und Einkaufswagen, die vor geleerten Bierfalschen überquollen bestanden, empfing mich Alburn, und stellte mich seinen anderen Gästen vor, einem grosse Arabar in einem dunkelgrauen, blutbefleckten Bademantel, mit seiner Frau, die er an einer Kette führte und die bei jeder Geste des alten zusammenzuckte. Daneben gab es noch einen Amerikaner mit angespitzen Schneidezähnen, Muskelshirt und Baseballkappe, der sofort eine "line" anbot. Begleitet wurde er von einer ganzkörpertätowierten, die er ständig als sein "Kindchen" bezeichnete. Der Araber frage, ob wir jetzt, da wir vollständig seien, endlich durch das Weltall reisen wollten. Alburn verneinte energisch, und erinnerte die Anwesenden, dass es doch Zeit für das russisch Roulette wäre. Noch immer kann ich mich nicht dazu bringen, die nachfolgenden Szenen zu schildern, die Ärzte sage allerdings, dass es ein Wunder sei, dass kaum mit Langzeitschäden zu rechnen sei, was auch daran liegt, dass Alburn schatt einer richtigen Kugel den von ihm präparierten Beinknochen einer Katze für das Spiel verwandte. (end of part one)
12.9.06 20:48


Berlin, den 21.9.2006

Ich fasse es nicht! Seit Schüssler Einfluss auf meine Nachbarn gewonnen hat, traut sich meine liebe, liebe Freundin Katja nur noch verhüllt auf die Straße. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was sich in den letzten 72 Stunden ereignet hat, da ich die Zeit im Rudolf Virchow Klinikum zubringen musste. Mittlerweile sehe ich ein, dass das Russische Roulette ein Fehler war, aber ich wollte diesen armen Seelen doch nur etwas Unterhaltung bieten!

Wie dem auch sei, ich war nur froh pünktlich zum großen Finale des Comatrision-Filmfestival meines lieben Freundes Rasputin Illjitsch Ohnehaupt wieder entlassen zu sein. Zusammen mit meiner reizenden Begleitung Sandra tauchte ich bei diesem Event auf, um endlich wieder einen gemütlichen Abend zu zweit zu verbringen. Du weißt, liebes Tagebuch, wie sehr ich für Sandra schwärme und kannst dir daher sicherlich vorstellen, wie sehr ich mich auf diesen Abend freute...

Meine Freude war schlagartig dahin, als ich Schüsslers Gesicht in den Publikumsreihen erblickte. Dieses Monstrum, diese abscheuliche Kreatur! Diabolisch grinsend saß er in seinem Kinosessel und lotste uns lautstark krakelend zu den Plätzen neben sich.

Ich begriff zunächst nicht, doch als mein lieber Freund Ohnehaupt ankündigte, dass wir nun ein 'ganz besonderes Schmankerl' zu sehen bekamen und Schüssler dabei feste meinen Arm ergriff. Sollte er etwa? Hatte er wirklich?
Kurz darauf erflammte auf der Leinwand der Titel SEINES Meisterwerks: 'Dr. Rudolf Schüssler und der Planet der Todestitten'!

Mein Gott, ich bin immer noch benommen und weiß nicht, was ich zu dem restlichen Abend sagen soll. Mein soziales Leben in Berlin dürfte aber sicherlich erledigt sein. Alas, ich sollte erst einmal schlafen und die Ereignisse verdauen. Kommt Zeit, kommt Rat...
Hoffentlich!

Als dann,

Viktor
21.9.06 22:51


Berlin, 22. September

Liebes Tagebuch,
ach, wie enttäuscht ich bin. Wie hatten wir alle gehofft, einen grossen Durchbruch geschafft zu haben. Für einige Tage sah es so aus, als ob Alburn wieder in der Lage wäre, sich in menschlicher Gesellschaft zu bewegen. Welch grausamer Irrtum. Mein ehemals so einfallsreicher und sympathischer Freund erweckte tatsächlich den Eindruck von Besserung. Wir schafften es, in eines meiner Lieblingscafes in Berlin zu gehen, wo einige meiner kirgisischen Freunde gerne Lesungen und Kulturabende stattfinden lassen, und auch das kirgisisch-russiche Forum seine Versammlungen abhält. Der Abend verlief gut, und als Alburn an die Theke ging, um sich "noch ein Glas Wasser" zu bestellen, wurde ich nicht misstrauisch. Als ich sah, wie der die Olive aus dem "Wasser" fischte, wurde mir klar, dass der Abend an einem Wendepunkt angelangt war. Unter der Wirkung des ersten und der folgenden Martinis geriet Alburn schnell in Rage, begrapschte männliche wie weibliche Bedienungne, und grölte in schlechtem russichen Akzent "50 Dollarrr, alles klarr" und reagierte sehr ungehalten auf die Abwehrversuche. Meike Karenina, meiner guten Freundin und Kulturbotschafterin brüllte er hinterher, dass er jetzt richtig Beleidigt wäre, wenn sie erwachsen wäre. Nachdem Alburn noch ein paar Wasserpfeifen zetrümmerte, verliessen wir schnell das Lokal. Dem trunkenen Alburn folgend, wie er auf dem Weg zum Bahnhof ahnungslosen Passanten Drogen ins Bier schüttete, landetet wir in einem Kinosaal, und Alburn kündigte uns ein "Filmfestival" an. Das dargebotene zeigte jedech grösstenteils nackte Frauen mit unnatürlich vielen Brüssten, Gewalt gegen Ausländer und herrisch in die Kamera säuselnde Nonnen. Mir war es so peinlich. Mein Freund der Party-Meister schien mit seinen Freunden einem ähnlichen Irrtum erlegen zu sein, und ich erspähte ihn in den hinteren Reihen. Sofort fühlte ich mich wohler. Ich hoffe sie brachten mich nicht mit Alburn in Verbindung, der sich seinen Trenchcoat auszog, unter dem er kurze bayrische Lederhosen trug, sich einen Hitler-Bart anklebte, und im Stechschritt durchs Kino lief, laut krakelend "Wiit iieär, wärr ich bin?"
Glücklicherweise schritt darauf hin der Sicherheitsdienst ein, und ich konnte unerkannt flüchten und bin mit dem Shreck davon gekommen. Nun durchsuche in das Internet nach Selbsthilfegruppen für meinen Armen, verwirrten Freund. Ganz schwach glimmt in mir die Hoffnung, dass auch er noch irgendwie gerettet werden kann.
22.9.06 12:56





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